|
Mitglied von
|
Neue Zürcher Zeitung, INLAND, Dienstag, 28. Juli 1998
Gegen das neue Scheidungsrecht hat die «Trägerschaft Scheidungsrecht nein» das Referendum ergriffen. Sie erachtet die Regelungen als männerfeindlich, da sie das gemeinsame Sorgerecht nicht vorsehen. Ferner verlangt die Trägerschaft, dass die Scheidungsrente durch ein System der «Solidarautonomie» ersetzt werde. Das Referendum wird unterstützt von zwei Organisationen geschiedener Männer und der Männerliste Basel.
crz. Scheiden tut weh. Für die «Trägerschaft Scheidungsrecht nein» hat diese alte Volksweisheit besondere Gültigkeit. Denn das Recht, nach dem in der Schweiz geschieden wird, erachtet sie als ungerecht und männerdiskriminierend. Und das neue Scheidungsrecht stellt für sie sogar noch einen zusätzlichen Rückschritt dar. Da in der Schweiz vier von zehn Ehen geschieden werden, das Scheidungsrecht also einen grossen Teil der Bevölkerung direkt betrifft, soll es nun auch dem Volk zur Beurteilung vorgelegt werden. Auf die drei nach der Meinung der Trägerschaft gravierendsten Nachteile des neuen Scheidungsrechts soll während der gesamten Kampagne bis hin zur Abstimmung immer und immer hingewiesen werden. Am Montag hat die Trägerschaft in Zürich vor der Presse damit begonnen.
Drei Nachteile, zehn Gründe
Die Trägerschaft, die unter anderem von der Interessengemeinschaft geschiedener und getrennt lebender Männer (IGM) unterstützt wird, stösst sich etwa an der Sorgerechtsregelung. Es sei nicht gerecht, die Väter vom Sorgerecht auszuschliessen, sagte Hanspeter Küpfer, Vizepräsident der Trägerschaft. Vielmehr fordern die Referendumsträger eine Gleichbehandlung von Mann und Frau in dieser Sache. Die Bevorzugung der Mütter sei ein klarer Verstoss gegen den Verfassungsgrundsatz der Gleichberechtigung der Geschlechter. Zum zweiten moniert die Trägerschaft, dass die Kinderbedürfnisse im neuen Scheidungsrecht übergangen würden. Die Kinder sollten uneingeschränkt und nicht nur - wie vorgesehen - in «angemessenem Mass» Kontakte mit den Eltern pflegen dürfen. Drittens schliesslich soll mit dem Referendum auch der Weg für eine Neuregelung der Scheidungsrente eröffnet werden. Die Trägerschaft will die Rente durch das Prinzip der «Solidarautonomie» ersetzt sehen. Diese sieht vor, dass Geschiedene für ihren Lebensunterhalt grundsätzlich selber verantwortlich sind, es besteht indes eine Verpflichtung der wirtschaftlich stärkeren gegenüber der wirtschaftlich schwächeren Person.
Das neue Scheidungsrecht ist nach der Meinung von Roland Meyer, Präsident der Trägerschaft, nur ein Abklatsch der alten Regelung - ergänzt mit dem, was heute durch die Bundesgerichtspraxis festgeschrieben wird. Das böswillige Hintertreiben des Besuchsrechts etwa werde weiterhin vom Staat ermöglicht und abgesegnet. Zudem werde der eigene Unterhalt der zu Alimentenzahlungen Verpflichteten vom neuen Recht überhaupt nicht berücksichtigt. Wer zahlen müsse, sagte Meyer, könne bis zum Existenzminimum ausgepresst werden.
Die Vertreter der Trägerschaft haben am Montag vor der Presse zwar mehrmals betont, dass ihr Referendum keineswegs frauenfeindlich gemeint sei, sie haben ihre Welt indessen doch sehr klar in ein gutes und in ein böses «Lager» eingeteilt. So illustrierte Susan Cattaneo, Sekretärin der Trägerschaft, anhand einer nach ihren Worten aus dem Leben gegriffenen Geschichte den Leidensweg des geschiedenen «Peter». Von der Ex-Frau «Amalie» jahrelang mit den raffiniertesten Tricks über den Tisch gezogen, ist «Peter» an den Rand des Existenzminimums gekommen. Doch damit nicht genug. «Amalie» hat gezielt das Besuchsrecht ihres Ex-Mannes unterwandert, ja sogar ihre eigene Wiedervermählung sowie die Hochzeit der ältesten Tochter vor «Peter» geheimgehalten, um weiterhin an die Alimente zu kommen. Der geschilderte Fall ist keineswegs einzigartig, glaubt man Susan Cattaneo. «Peter» sei ein durchschnittlicher Repräsentant der geschiedenen Männer. Und nach den Worten von Hanspeter Küpfer ist heiraten für einen Mann wie russisches Roulette.
Gierige Juristen, mächtige Feministinnen
Auch was die steigende Scheidungsrate betrifft, hat die Trägerschaft die Schuldigen geortet. Es sind nach Angaben von Roland Meyer vorwiegend die Frauenorganisationen, die ratsuchenden Frauen stets sofort zur Trennung raten. Schliesslich kommen auch die Juristen - die ja bei Scheidungen eine wesentliche Rolle spielen - nicht ungeschoren davon. Für Meyer sind sie es, die von einem gemeinsamen Sorgerecht nichts wissen wollen, damit sie auch künftig in Scheidungssachen Arbeit haben. Das Parlament habe sich tüchtig ins Zeug gelegt, die Interessen der Juristenzunft zu wahren. Nach Meinung von Küpfer sind es hingegen nicht die Juristen, sondern die Feministinnen, die sich dem gemeinsamen Sorgerecht entgegenstellen, denn diese seien nicht bereit, ihre Machtmittel abzugeben. Gegen das neue Scheidungsrecht wehrt sich auch ein Referendumskomitee «Pro Ehe und Familie», das vom Präsidenten der Katholischen Volkspartei, Lukas Brühwiler, präsidiert wird (s. NZZ vom 15. 7. 98).
Email: scheidung@bluewin.ch
Last update: 30.07.1998/VeV