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Focus Nr.5, 30. Januar 1995, S.136 ff
Hauptartikel
Interview: "Tief verwurzelte Biologie", Penelope Leach
Interview: Die Freuden der Vaterpflichten, Peter Koeppel
Magst Du Deinen Vater?" fragt ein Zwölfjähriger einen anderen. "Na klar, er ist doch mein Vater", antwortet der. "Und Du?" - "Ich mag ihn, aber er glaubt es mir nicht." Beide Jungen sind bei ihren Vätern nur zu Besuch. Sie gehören zu den mittlerweile fast zwei Millionen Kindern in Deutschland, die ohne Vater aufwachsen. Sie leben in Haushalten mit alleinerziehenden Müttern. Und ihre Zahl wächst.
Und die Väter? Nachdem es schick gewesen ist, sie als Machos und Machtmenschen, als unsensible, arbeitswütige, haushaltsscheue und mithin entbehrliche Figuren aus dem Kinderzimmer wegzurationalisieren, werden sie plötzlich von der Forschung als VlPs entdeckt, als besonders wichtige Leute.
Statistiken aus Amerika - dort ist die Väterforschung weiter gediehen als bei uns - haben Psychologen und Pädagogen aufgeschreckt: Fast zwei Drittel aller Vergewaltiger, drei Viertel der jugendlichen Mörder und ein ähnlich hoher Prozentsatz junger Gefängnisinsassen sind ohne Vater groß geworden. Für Deutschland sind keine solchen Straffälligen-Statistiken erhältlich. Doch immer wieder fallen auch hier Vaterlose negativ auf, zum Beispiel bei den vier jugendlichen Angeklagten im Prozeß um die Brandstiftung in der Lübecker Synagoge: Vater tot, Vater Alkoholiker, Vater geschieden, Vater nie kennengelernt. Alle vier haben nichts Richtiges gelemt, sind selbst wieder Alkoholiker oder Junkies.
Statistisch erfaßt sind die Vaterlosen immerhin als " Problem- und Risikogruppe". So bewerteten sie die deutschen Psychotherapeuten auf ihrem größten Fachkongreß in Lindau. †ber ein Drittel der Kinder aus Ein-Eltern-Familien leidet danach unter schweren psychischen Störungen. Kinder aus kompletten Familien neigen seltener zu Schulversagen, Drogensucht, Auffälligkeit. Die Mädchen werden auch seltener Opfer von Mißbrauch oder als Teenager schwanger.
Eine überflüssige Person? Die neue Beschäftigung mit der Notwendigkeit des Vaters als Schlüsselfigur in der Familie steht in scharfem Kontrast zum feministischen Credo, das in der verdammenden Frage gipfelt: Wer braucht die Männer? Sie tragen den Müll nicht raus, waschen nie ab, wickeln die Kinder nicht. Doch: Was läßt Kinderherzen schneller schlagen, wenn der Vater nach Hause kommt - egal wie minderwertig ihn die Mutter findet? Wieso erwarten die Kids ausgerechnet von den stets abwesenden, arbeitswütigen Vätern, daß sie ihnen die Sterne und den Mond vom Himmel holen, das Rücklicht reparieren und Super-Mario mit ihnen spielen? Wieso sind die Kinder loyal zu Vätern, die durch Abwesenheit glänzen und auch sonst rechte Miststücke sind? Väter sind anders. Sie lieben anders, sie gehen auch anders mit ihren Kindern um, nicht nur bei gefährlichen Spielen auf dem Rasen, die Mütter nie riskieren würden. Sie muten schon den Babys rauheren Umgang zu, wie ein Verhaltensexperiment in Amerika festgestellt hat: Väter lassen ihre Kleinst-Sprößlinge beim Ablegen aus größerer Höhe - zwei, drei Zentimeter mehr - in die Wiege fallen als die Mütter.
"Die Unterschiede in der Aufzucht durch Frauen und Männer sind nicht nur unvermeidlich, sie sind äußerst wünschenswert", erklart die englische Psychologin Penelope Leach.
Der Vater vermittelt Sicherheit - trotz seines Hangs zu Abenteuer und Abwesenheit. "Ich saß erschrocken und heulend auf dem Asphalt", erinnert sich Linda Powell, die Tochter des ehemaligen US-Generalstabschefs Colin Powell. "Da tauchte mein Daddy aus dem Nichts auf, hob mich auf, druckte mich an sich und trug mich nach Hause."
In dem Photoband "Fathers and Daughters" von Manana Cook steht auch der Satz von Lindas Schwester: "Ich habe stets das ganz sichere Gefühl gehabt, daß er sich immer um uns kümmern wird, ganz gleich was passiert."
Der Vater mit Zeit ist natürlich besser als der ohne, aber überhaupt einen zu haben, ist fur das Kind das Allerwichtigste. Gerade Kinder, die nur einen "Erzeuger" haben, sind die ersten, die mit Fremden über ihre Väter reden, die sie oft nicht einmal so nennen dürfen. Die Sehnsucht nach Vätern ist irrational und hat auch nichts mit deren Mitwirken an den Hausaufgaben oder der Menge an Radtouren zu tun - und schon gar nichts mit dem Anteil an der Aufzucht und Hausarbeit.
In einer halbwegs intakten Familie, so die amenkanische Scheidungsspezialistin Judith Wallerstein, tendiert das Kind erst zum einen und dann zum anderen Elternteil. In der Nur-Mutter-Familie ist das vaterlose Kind benachteiligt, weil das Band zum Vater nicht besteht oder sich nicht entwickeln kann - weil ein Vorbild, neudeutsch: Rollenmodell, wegfällt.
Langzeitstudien aus Amenka wie Judith Wallersteins "Second Chances" (deutsch: "Gewinner und Verlierer", Droemer Knaur) oder Sara McLanahans "Single Mothers and Their Children" rütteln heftig an dem liebgewordenen Glaubenssatz, daß eine Scheidung besser sei als eine schlechte Ehe. Auch gewollte Einzel-Elternschaften bergen für die Kinder Risiken. Amerikas berühmtester Kinderarzt, T Berry Brazelton, nannte Wallersteins Studie über die Folgen von Scheidung das beste Argument für all jene, die glaubten, daß es sich "für eine intakte Familie zu kämpfen lohnt".
Depressionen, Antriebsschwäche: Wallersteins Studie - 1971 begonnen und noch nicht abgeschlossen - zeigt, daß gravierende Schwierigkeiten oft bis ins Erwachsenenalter anhalten. Nach fünf Jahren erlebte ein Drittel der Kinder mittlere bis schwere Depressionen. Nach zehn Jahren litt eine bedeutende Zahl der nunmehr jungen Männer und Frauen an Antriebsschwäche, Verstörung und Leistungsdefiziten. Auch nach 15 Jahren zeigten sich Langzeitschäden: Vele Scheidungskinder schafften es nicht, dauerhafte Beziehungen aufzubauen oder aufrechtzuerhalten.
Ist Stiefvati ein gleichwertiger Ersatz? Auch das ist laut Wallersteins Studie eher mit nein zu beantworten. Fast die Hälfte aller Kinder sagten, daß sie sich in ihren Stieffamilien ausgeschlossen fühlten. Und die Nationale Kinder-Kommission der USA fand heraus, daß Kinder in Stieffamilien viel öfter zugeben, sie fühlten sich einsam und niedergeschlagen als Kinder aus intakten Familien - und sogar Ein-Eltern-Familien!
Eine andere amenkanische Untersuchung, der National Survey of Children, fragte Kinder: "Wenn du an deine Familie denkst, wen schließt du da ein?" Nur zehn Prozent ließen ihre natürlichen Eltern dabei weg, während ein Drittel die Stiefeltern kühl überging. Und wenn die Eltern gefragt werden? Nur ein Prozent nannte das eigene Kind nicht als Familienmitglied, aber 15mal so viele ließen die Stiefkinder außen vor.
Was zum Glück der Erwachsenen beiträgt, bringt das Glück des Kindes oft ins Minus. Häufiger, als wir uns zugeben, gerät unsere Suche nach Freiheit und Selbstverwirklichung, nach Karriere und Unabhängigkeit in Konflikt mit dem Wunsch des Kindes nach der Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit des Familienverbands. Wird der zerstört, entsteht immer ein tiefer Graben zwischen den Interessen der Eltern und denen der Kinder. Das zeitgemäße Programm "Zusammenleben-Heirat-Scheidung-Zusammenleben-Wiederheirat", also die moderne Form der Polygamie, kann den Kindern nicht die notwendige Stabilität vermitteln. Eine klar meßbare Folge der Eltern-Trennung ist die sinkende Investition in die Kinder. Getrennt lebende Eltern haben weniger Zeit, Aufmerksamkeit und Geld für ihre Kinder übrig.
Für die schlimmste Minus-Position sind jene Väter verantwortlich, die ihren Unterhaltspflichten nicht oder nur unzureichend nachkommen.
Knapp die Hälfte der alleinerziehenden Mütter in Deutschland erhält keinen oder keinen regelmäßigen Unterhalt durch die Väter. Aber auch die Mütter investieren weniger in ihre Kinder, wenn sie plötzlich mit der Alleinerziehung konfrontiert sind.
Häufig ist das schlicht eine Geldfrage: Kinder in Single-Haushalten haben ein sechsmal höheres Risiko, arm zu sein und zu bleiben als andere Kinder. Kein Wunder also, daß der Zuwachs an Ein-Eltern-Familien auch die Armutsstatistik beeinflußt. Fast 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen leben heute in Familien, die auf Sozialhilfe angewiesen sind.
Wenn die Väter so wichtig sind, wieso verhalten sie sich dann so verantwortungslos? Leiden Vater wirklich unter "kollektivem Sinnverlust", wie es das Feministinnen-Duo Cheryl Benard und Edit Schlaffer höhnend formuliert hat? "lnnerlich verunsichert" und von "Wertlosigkeit geplagt" sieht die Berliner Jugendpsychiaterin Agathe Israel den modemen Vater.
Das widerspricht freilich einer Studie des Deutschen Jugendinstituts. Danach bezeichnet sich die größte Gruppe der Väter (38,4 Prozent) als familienonentiert. "Sie haben die Familie als wichtigsten Bezugspunkt für ihre Identität angegeben", schreibt der Autor Jürgen Sass.
Nur knapp 24 Prozent der Väter beziehen ihre Identität allein aus dem Beruf. Das kollidiert mit dem gängigen Klischee, daß für Männer nur der Beruf im Zentrum ihres Lebens stünde.
Der Film "Mrs. Doubtfire" machte zum Thema, wie Väter unter der Trennung von ihren Kindem leiden. Allerdings bringen nur die wenigsten soviel Phantasie auf wie Robin Williams, um die heißgeliebte Brut doch regelmäßig sehen zu können.
Viele Väter scheuen den Kampf sowohl mit der Ex-Gefährtin als auch mit den Gerichten. Der Photograph Carsten R. (Name der Redaktion bekannt), der jahrelang vor Gerichten um das gemeinsame Sorgerecht für seine Kinder kämpfte, berichtet: "ln all den Jahren habe ich gesehen, wie Väter feige werden und aufgeben, weil sie Angst haben zu verlieren."
Wagen die Väter den Kampf gar nicht erst, empfinden die Kinder das als Gleichgültigkeit - so als wären ihnen die Kinder egal. Der "Besuchsvater", der auf bestimmte Wochenenden angewiesen ist, der vielleicht noch nicht einmal in derselben Stadt wohnt, verkommt zum "Onkel".
Wie ein Minister ohne Ressort ist der Besuchsvater ein "Eltemteil ohne Portefeuille" (Wallerstein), ohne Einfluß aufs tägliche Leben, auf Hausaufgaben oder Tischmanieren. Er darf nur zahlen und schenken; sein Leben mit den Kindem spielt sich ab in Eisdiele, Kino und McDonald's. Kein Wunder, daß viele aufgeben und sich eine neue Familie suchen.
Tatsächlich befinden sich viele geschaßte Väter in der Zwickmühle zwischen lieblosem "Zahlvater" (wenn sie das Feld geräumt haben) und lästigem Querulanten (wenn sie um ihre Rechte kämpfen). In beiden Fällen handeln sie gegen das sogenannte " Kindeswohl", obwohl sie nur dieses im Auge haben.
Eine Lösung ist das gemeinsame Sorgerecht, von dem nur Prügler und Kinderschänder ausgenommen werden sollten. Scheidung mag zwar den Eheleuten das Leben erleichtern. Aber: "Was haben eigentlich die emotionalen und sexuellen Probleme der Eltern mit der gemeinsamen Sorge und Verantwortung für die Kinder zu tun?" fragt entrüstet Penelope Leach. Ihre Antwort: "Verantwortung für die eigenen Kinder hört nicht mit der Scheidung auf."
"Verantwortung hat nichts mit dem Familienstand zu tun", sagt Peter Koeppel, Experte für Kindschaftsrecht in München. Das Gericht solle den Eltern die Verantwortung für die Kinder weder nehmen noch gewähren dürfen.
Der amerikanische Neokonservative Irving Kristol schrieb unlängst im "Wall Street Journal": "Ein guter Vater hat zwei Eigenschaften. Erstens ist er da - ein zuverlässiges Mitglied der Familie. Zweitens arbeitet er, um seine Familie zu ernähren. Er muß arbeiten, weil Vaterschaft und Arbeit zusammengehören."
Nur: Viele Männer haben keine Arbeit, folglich können sie auch nicht den Lebensunterhalt für ihre Familien verdienen. Außerdem: Die Sozialhilfe bringt der jungen Mutter etwa soviel wie der miese Lohn des ungelernten Vaters.
Doch nicht einmal in Familien mit zwei Elternteilen werden die Kinder gemäß ihren Bedürfnissen behandelt. Kaum sind sie geboren, suchen wir den Mutter-Ersatz bei der Kinderfrau, dann den Kindergarten, dann die Schule, um uns ausführlich unseren "eigentlichen" Problemen widmen zu können.
Auch den physischen Lebensraum haben wir beschnitten, weil Mutter im ehemaligen Spielzimmer ihren Schreibcomputer aufgestellt hat. Oder die Kinder werden im frühen Alter in den Hort abgedrängt, wo sie auf engem Raum den Tag verbringen müssen.
Die unverplante Zeit, welche die Kinder mit den Eltem brauchen, haben Väter (und zunehmend auch Mütter) nicht mehr. Denn sie investieren immer mehr Zeit in das Heranschaffen von Geld, das sie dann für Kinderbetreuer ausgeben. Die materielle †berausrüstung der lästigen Brut - mit Videos, teuren Basketballstiefeln oder Computerspielen - kaschiert im Namen der scheinbaren Zuwendung die Rücksichtslosigkeit der Erwachsenen.
Die Kinder, so scheint es, sind zu Störenfrieden unserer Selbstverwirklichung geworden. Noch mehr Krippen-, Kindergarten- und Hortplätze sollen her.
Bei steigenden Scheidungszahlen und steigender Vaterlosigkeit helfen freilich auch neue Sozialprogramme nichts. Mit der Ein-Eltern-Familie als Nebenprodukt modemer Lebens- und Arbeitsweise werden wir die Kriminalität nicht eindämmen und die Schulleistungen nicht fördem - die Seelenlage der betroffenen Kinder wird labil bleiben.
Ob man sich um die Zukunft der Familie sorgen solle, fragen die Feministinnen Benard und Schlaffer in ihrem Buch "Sagt uns, wo die Väter sind". Ihre Antwort ist ebenso simpel wie borniert: "Nein, gar nicht. Die Familie ist in denselben Händen wie immer schon: in den Händen der Mütter."
Diese Lösung mag angenehm für manche Mütter sein, für die Kinder ist sie es meistens nicht. Kinder, auch an der Schwelle zum dritten Jahrtausend, spielen noch immer "Vater, Mutter, Kind". Die Schrumpf-Variante ist kein Hit.
CHRISTINE BRINCK
Leach, Autorin des Weltbestsellers "Your Baby and Child " (deutsch: "Die ersten Jahre deines Kindes", dtv), ist Vorsitzende der britischen Gesellschaft für Kindheitsentwicklung. Letztes Jahr hat sie mit ihrem neuen Buch "Children First" ("Kinder zuerst") Aufsehen erregt.
FOCUS: Warum sind Väter so wichtig?
Leach: Wir wissen mcht, warum. Ich glaube, Kinder
brauchen Vater so sehr wie
Mütter. Kinder brauchen Väter, weil wir eine Einheit
sind, die von einer Mutter und von
einem Vater abstammt. Wir sind die
Kombination zweier Menschen, von
zwei genetischen Sätzen und zwei
Familiensträngen. Und diese Biologie
ist tief verwurzelt in der menschlichen
Kultur.
Focus: Ist auch die Familie Teil unserer Kultur, gar genetische Vorlage?
Leach: Familien existieren weiter,
weil man sich noch immer keinen besseren Weg zur Aufzucht von Kindern
vorstellen kann.
Focus: In Ihrem Buch sagen Sie, daß
bei der Erziehung die Unterschiede
zwischen Vätern und Müttem nicht
nur unvermeidlich, sondem geradezu
wünschenswert sind.
Leach: Wenn ich Zucker und Milch in
meinem Kaffee haben will, ist es eben
nicht dasselbe, wenn ich zwei Portionen Zucker, aber keine Milch
bekomme. Vater und Mutter ergänzen einander in ihren Unterschieden; das ist
nicht nur spannend, sondem auch
nützlich. Außerdem verändert sich die
Bindung der Kinder im Laufe ihres
Lebens - mal brauchen sie die Mutter,
mal den Vater. Ich gehe sogar noch
weiter: Je mehr Menschen ein Kind
hat, denen es zutiefst zugetan ist, desto
sicherer fühlt es sich. Mutter und Vater
zusammen bilden einen viel stärkeren
Kokon der Sicherheit, als es einer allein bieten kann.
Entscheidend ist das Komplementäre. Mal tendiert man zu dem einen,
mal zu dem anderen Elternteil.
FOCUS: Wenn die Familie die beste Forrn der
Kinderaufzucht ist, warum verschwinden immer mehr
Väter aus dem Verband?
Leach: Wir haben total unterschätzt, wie sich die
Arbeit verändert hat. Solange wir denken können,
hat es immer einen großen Bedarf an körperlicher, ungelernter Arbeit gegeben.
Plötzlich verschwindet diese Form der Arbeit. Der
Grund für die steigende Zahl der
Single-Haushalte mit alleinerziehenden
Müttern ist es, daß es kaum noch Jobs
für Ungelemte gibt. Die Frauen sagen
sich: Wenn die Männer nichts mehr
verdienen, brauchen wir sie auch nicht.
Focus: Welche Rolle spielt hierbei die Frauen-Emanzipation?
Leach: Während die Frauen aus der
häuslichen Szene in die Welt der Arbeit
abwandern, wenden sich die Männer nicht etwa von ihrem geschrumpften
Arbeitsgebiet mehr dem Haus zu. Darum muß die Gesellschaft lemen, den
Rollen- und Jobtausch zu egalisieren.
Bis jetzt haben die Frauen sozusagen
alles: den Job, den Haushalt, die Kinder. Und die Männer haben nichts,
allemal, wenn sie arbeitslos sind.
Focus: Sie sagen, vor allem müßten
die Eltem wieder mehr Zeit mit ihren
Kindern verbringen. Wäre das Problem
gelöst, wenn die Frauen wieder an den
Herd zurückkehrten?
Leach: Das werden die Frauen nie
wieder tun. Einmal, weil sie es nicht
wollen. Zum zweiten verdienen immer
weniger Männer genug Geld für die
ganze Familie. Wenn die Frauen nicht
mehr zurückkehren, müssen die Männer auch den häuslichen Teil
mitmachen. Im Moment aber gibt es zu
Hause ein Vakuum, das sehr schlecht
gefüllt wird mit der Kinderbetreuung durch Fremde.
FOCUS: Wie kann und wie sollte der
geschiedene oder getrennt lebende
Vater seinen Pflichten nachkommen?
Koeppel: Es wäre nach einer Trennung immer gut, wenn Väter für eine
längere Zeitspanne - ein halbes oder
ganzes Jahr - die Alleinversorgung des
Kindes übemehmen würden. Das wäre
erstens fürs Kind sehr gut, weil es so
den Vater besser kennenlernt. Zweitens kann der Vater seine emotionalen
Bedürfnisse befriedigen, sein Kind aus
der Nähe erleben. Drittens ist es für die
Mutter eine große Entlastung. Sie kann
zum Beispiel Weiterbildung machen.
FOCUS: Sie fordern Opferbereitschaft
von den Vätern. Und das in Zeiten der
Selbstverwirklichung und Ichsucht?
Koeppel: Mich freut es doch, wenn
ich am Tisch meinem Kind gegenübersitze und mich widergespiegelt sehe;
das Kind ist mir doch ähnlich, ein Teil
von mir. In unserem Verein "Väter für
Kinder" sind insbesondere die Väter
über 40 bereit, sich stark für das Kind
einzusetzen. Die jüngeren Männer
sind zu sehr damit beschäftigt, ihren
Platz im Leben zu finden.
Focus: Immerhin gibt es das gemeinsame Sorgerecht. Reicht das aus?
Koeppel: Es reicht nicht aus, wenn
die Väter nur am Wochenende mit den
Kindem ins Kino gehen. So lernen sie
die Kinder nicht kennen, und von gemeinsamer Verantwortung kann nicht
die Rede sein. Hier müssen Jugendämter und Gerichte den Vätern sagen, sie
müssen während ihrer Berufszeit ran.
Die Mütter tun es ja schließlich auch.
FOCUS: Wle sieht der ideale Vater aus?
Koeppel: Der ideale Vater lebt, auch
wenn es Schwierigkeiten gibt, weiterhin mit der Mutter zusammen und
stellt gewisse Egoismen zurück. Wenn
das partout nicht möglich ist, dann ist
der zweitbeste Vater der, der weiterhin
für das Kind da ist und den anderen
Elternteil nicht schlechtmacht.
Last update: 26.07.1998/VeV