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Verantwortungsvoll erziehende Väter und Mütter

getrennt, geschieden:
wir befürworten für die Kinder eine gleichwertige Beziehung zu Vater und Mutter.
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paPPa.com-Rezension


Familien nach der Scheidung

Anneke Napp-Peters

Verlag Antje Kustmann, München 1995, ISBN 3-88897-159-4

In einer Langzeitstudie hat Anneke Napp-Peters 150 Scheidungsfamilienmit 269 Kindern aus ausgewählten Kommunen Norddeutschalnds über12 Jahre von 1980/81 an begleitet und Kinder, Mütter und Väterund neue Lebenspartner nach ihren Erfahrungen und Einstellungen befragt.

Sie traf (nach einer Zufallsstichprobe des Einwohnermeldeamtes) auf

und hat bei der Auswertung des Forschungsmaterials danach unterschieden,ob die Eineltern- bzw. Mehrelternfamilien den ausserhalb lebenden,nichtsorgeberechtigten Elternteil in das Familienbild und in die sozialenKontakte der Familie integriert oder ob sie ihn ausgegrenzt haben.

In ihrer Veröffentlichung werden die vier familiären Grundmusterund die jeweils verschiedenen Lebenswelten, in denen sich das Kind zurechtfinden muss in sechs Kapiteln auf 169 Seiten näher betrachtet.

Di e Ergenisse ihrer Forschung zeigen:

Die vorherrschende Meinung, dass eine Scheidung eine vorübergehendeKrise darstellt, die nach einiger Zeit von selbst überwunden würde,ist falsch.

Unter der Scheidung leiden Kinder jahrelang, allzu oft ein Lebenlang. Nur 25% der Kinder ist es gelungen, ihre scheidungsbedingtenSchwierigkeiten zu überwinden und sich zu lebenstüchtigen Erwachsenenzu entwickeln. 75% haben dagegen nach wie vor grosse Probleme,den Alltag zu bew&aum l;ltigen und längerfristige Perspektiven fürihr Leben zu entwickeln. Knapp die Hälfte hat Probleme mit Alkoholund Drogen, einige haben wegen Beschaffungskriminalität bereits vordem Richter gestanden.

Die 25% der Kinder, die ihr Leben in den Griff bekommen haben,konnten auf gute Kontakte zu ihren nichtsorgeberechtigten Eltern und aufviel Unterstützung zurückgreifen. Der Verlust von Familienbeziehungen ist dagegen nicht nur die häufigste Folge der Scheidung, s ondern zugleich auch die gravierendste Ursache für scheidungsbedingte Störungen bei Kindern.

Die Reaktionsweisen von Jungen und Mädchen auf veränderteFamiliensituation ist unterschiedlich. Während Jungen unmittelbarermit anhaltendem Problemverhalten reagieren, treten psychische Störungenbei Mädchen - zumeist verzögert - mit der Pubertät auf. Vor allem aber wuchsen die Kinder fast ausnahmslos in Familien auf, dieden anderen Elternteil ausgrenzten.

Das erschütternde Ergebnis der bisher einzigenrepräsentativen Langzeitstudie ist:

Ausschliessungsprozesse des nichtsorgeberechtigten Elternteilsführen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu scheidungsbedingten irreversiblenStörungen, die die Unfähigkeit im Erwachsenenalter zu Folge haben,ihren Alltag zu bewältigen. Verbunden damit sind Alkoholprobleme,Drogenabhängigkeit und Kriminalität. 80% der Kinder, die in Heimenleben, kommen aus Scheidungsfamilien.

Die Autorin kommt zum Schluss: Als gesellschaftliches Massenphänomenist die Scheidung - und sind vor allem die Scheidungsfolgen - heute keinprivates Problem mehr. Immerhin wird in Deutschland mehr als jede dritteEhe geschieden. In Ballungsgebieten ist es bereits jede zweite. Aus mehrals der Hälfte der Ehen sind Kinder hervorgegangen. Von ehelichenTrennungen sind 1995 über 150'000 Kinder betroffen gewesen, rechnetman die nichtehelichen hinzu, kommt man auf eine Zahl um 200'000 jährlich.90% der Scheidungen werden durch die Frau eingereicht. ...gerade fürFrauen hat das Zusammenleben in der Institution Ehe als einer lebenslangenBindung erheblich an Bedeutung verloren.

Die Jugend- und Familiensoziologin empfielt als Ergebnis ihrer Studiedie gemeinsame elterliche Sorge zum Regelfall nach der Scheidung zu machen.

Wie in Dänemark sollte eine einverständliche Eheaufhebung- ohne jeglichen Anwaltszwang - von einer neutralen und weisungsunabhängi genStelle vorgenommen werden, die beide Eltern begleitet und berät.

Ihre wichtigste Forderung als Erkenntnis aus den Forschungsergebnissenist: Die festgestellten langfristigen Folgen der Scheidung erfordern auchlangfristige Lösungen und sind nicht durch eine einmalige Beratungzu beheben. Es ist vielmehr notwendig, ein langfristig angelegtes Beratungskonzeptfür Scheidungsfamilien zu entwickeln.

Die beste Suchtprophylaxe und das wirksamste Rezept gegen Kriminalitätund A lkohol sind:

Dipl.-Päd. Armin Emrich,Berlin


Auszüge aus einem Interview mit der Autorin:

Sie haben 150 Familien befragt. Sind die Probleme nach solanger Zeit nicht längst überwunden?

Eine Scheidung ist für Eltern und Kinder eine traumatische Erfahrung,die lebenslang nachwirken kann. Kinder jeden Alters reagieren kurzfristigunter anderem mit Trennungsängsten, Depressionen und Schuldgefühlen,die sich auch in Wutanfällen oder Lügen zeigen können. DieSymptome klingen in der Regel ab, wenn sich die neue Lebenssitutation stabilisierthat. Die emotionale Stabilität der Kinder hängt jedoch entscheidendvom ständigen Kontakt zu beiden Eltern ab. Bei etwa der Hälftealler Kinder in unserer Studie war der Kontakt zu den getrennt lebendenVätern oder Müttern schon nach einem Jahr abgebrochen. DieserVerlust hat die Kinder tief verletzt. Sie haben heute ein geringes Selbstwertgefühl,können schwer Vertrautheit aufbauen, sind häufiger depressivund mit i hrem Leben unzufriedener als Kinder aus Familien, in denen einegute Beziehung zu beiden Eltern besteht.

Jungen und Mädchen gleich?

Nach der Scheidung reagiern Jungen stärker als Mädchen, zumBeispiel mit heftigen Aggressionen, Schulversagen, Tierquälerei oderWeglaufen. Mädchen passen sich zunächst eher an, zeigen sichverständig und übernehmen Verantwortung. Aber im Jugendalterund in der Adoleszenz tauchen die Gefühle von Trauer, Verlust, Verlas senheitund Angst vor Beziehungen oft wieder auf.

Sie haben Ihre Studie nach den Familienformen ausgewertet,die nach der Trennung entstanden sind - warum?

Weil sie eine entscheidende Rolle spielen. Die Hälfte der Kinder,deren Störungen bis heute andauern, wuchs in Familien mit Stiefvateroder -mutter auf, die um jeden Preis als "Normalfamilie" gelten wollten.Über den Bruch in der Familiengeschichte durfte nicht geredet werden,der Kontakt zum getrennten Elternteil wurde unter bunden. Dafür mussteder neue Partner als Vater oder Mutter anerkannt werden. Für Kinderist das meist eine ausweglose Situation. Sie leiden an dem Verlust undfühlen sich als Verräter, geraten in Loyalitätskonflikte.Sie müssen sich aber aus Angst, auch den zu verlieren, bei dem sieleben, anpassen.

Ist eine neue Ehe für die Kinder also nachteilig?

Nein. Nur wenn sie mit dieser Verdrängung der Realität einhergeht.Besonders Kinder, die bei der Tren nung noch sehr klein waren, konnten durcheine zweite, stabile Ehe Vertrauen und Sicherheit entwickeln, obwohl sienach der Scheidung am stärksten gelitten hatten.

Welche Rolle spielen Geschwister?

Eine grosse. Einzelkinder sind der Situation allein ausgeliefert.Geschwister, auch Stief- oder Halbgeschwister, wirken wie ein Puffer.

Welche Familienform bietet die grössten Chancen,das Scheidungstrauma zu überwinden?

Zunächst: Wenn Eltern diese Lebenskris e selbst gut bewältigenund den Kindern nach der Trennung guten Kontakt zu beiden Eltern erhalten,können sie in jeder Familienform die Krise psychisch stabil überwinden.Besonders gut gelang das in der "offenen Mehrelternfamilie", die von jederfünften Familie entwickelt wurde. Hier werden Stiefeltern und getrenntePartner in die neue Familie integriert, niemand wird verdrängt oderabgewertet. Das ist allerdings ein kompliziertes Rollen- und Beziehungsgeflecht,das viel Toleranz, Konflik tfähigkeit und Geduld erfordert.

Etwa 60% der Kinder Ihrer Studie wuchsen bei Alleinerziehendenauf. Haben es diese Kinder besonders schwer?

Auch hier kommt es darauf an, ob die getrennten Eltern bei der Erziehungkooperieren. Wo das gelingt, sind die meisten Kinder sehr stabil. Aberhier wiegt ein anderes Problem schwer: Jede/r vierte Alleinerziehende/r warnach der Scheidung auf Sozialhilfe angewiesen, und bei den meisten istdas so geblieben. Armut ist immer eine grosse Belastung f&uu ml;r dasFamilienklima und die Entwicklung der Kinder.

Sollten sich auch andere Familienmitglieder um die Kinderkümmern oder sich besser ganz raushalten?

Interesse und Fürsorge von Verwandten oder Freunden der Eltern,Lehrern oder Nachbarn können Kindern ganz entscheidend helfen, dieTrennung zu überwinden. Manche lernten so durch die Scheidungserfahrung,Notlagen besser zu bewältigen, und gingen sogar gestärkt ausihnen hervor.


Focus - 25.9.1995

DIE ALLTÄGLICHE KATASTROPHE - Die neuen Untersuchungen übertreffenselbst schlimmste Befürchtungen: Jedes zweite Scheidungskind erleidetbleibende psychische Schäden

Der Tod ist nicht so schlimm wie eine Scheidung - makabre Wortedes 19jährigen Paul, eines Sohns getrennter Eltern, aufgezeichnetvon Anneke Napp-Peters in ihrer Langzeitstudie. Psychologen könnenjedoch bestätigen, dass beim Tod des Vaters oder der Mutter dieFolg en für die Entwicklung eines Kinds in der Regel weniger schlimmsind als beim Fortgang eines Erzeugers.

Echte Halbwaisen sind in der Lage, sich mit dem unwiderruflichen Schicksalsschlagabzufinden und Gegenkräfte zu entwickeln; Scheidungskinder hingegenvermögen nicht wirklich zu begreifen, dass das geliebte Wesennoch existiert, aber den Kontakt abbricht oder stark reduziert. Von Bedeutungist also weniger, dass ein Elternteil fehlt, sondern warum er fehlt.

135'300 minderjährige Kinder wurden 1994 in Deutschland von einerScheidung getroffen - das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl vonHeidelberg, Würzburg oder Potsdam. Ulrich Schmidt-Denter undWolfgang Beelmann haben psychische Auffälligkeiten von Scheidungskindernerfasst - 10, 25 und 40 Monate nach der Trennung der Eltern.

Eine erste Auswertung zeigte eine grosseVerbreitung von Kontaktangst (58%) und unangepasstem Sozialverhalten(56%) kurz nach der Trennung. Dennoch sind die Ergebnisse scheinbarauch positi v: Die Belastungen liessen im Lauf der Zeit deutlich nach.Mittelwerte können täuschen. Eine mathematische Cluster-Analyseergab hingegen, dass 48% der Kinder keinerlei Linderung ihrerpsychischen Störungen erfahren hatten. Besser ging es lediglich denanderen 52%, bestehend aus Kindern, die sich erholt hatten, undanderen, die von vorneherein geringer belastet waren.

Schmidt-Denter und Beelmann untersuchten, worin sich die Hochbelastetenvon den anderen unterschieden. Ergebnis: eine negativ erlebte Beziehungzum getrenntlebenden Vater, ungelöste Trennungsprobleme der Elternsowie - manchmal - eine schnelle neue Partnerschaft der Mutter. Zudem warendie Kinder im Durchschnitt jünger.

Ein ebenso düsteres Bild erbringt die Untersuchung von AnnekeNapp-Peters. Bei der ersten Befragung Anfang der achtziger Jahre hattensich 22% der Kinder als verhaltensgestört erwiesen. 12 Jahrespäter war es nur wenigen von ihnen gelungen, ihr Leiden abzulegen.Doch weitere 31%, die bei d er ersten Untersuchung nicht aufgefallenwaren, zeigten nun deutliche Störungen. So kommt auch Napp-Petersauf eine Scheidungsgeschädigten-Quote von rund 50%.

Kinder ohne Mütter: Da die Hamburger Soziologin auch Scheidungsfamilienuntersuchte, bei denen die Kinder beim Vater leben, konnte sie ein schiefesBild von der Bedeutung des Eltern-Geschlechts zurechtrücken: Kinderohne Mütter - gleich ob Jungen oder Mädchen - sind ebenso oftgeschädigt wie Kinder ohne Väter.< /P>

Folgerung aus beiden Studien:

Sich trennende Paare sollten - unabhängig von der Sorgerechtsregelung und notfalls durch Vermittlung eines neutralen Dritten - übereinkommen, den Kindern häufigen Kontakt zum nicht betreuenden Elternteil zu ermöglichen.


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Last update: 05.05.2000/VeV