|
Tages-Anzeiger vom 18.12.2007 Der Fall Hunkeler und andere Scheidungen zeigen: Alle reden vom Wohl des Kindes. Aber was heisst das konkret? Worunter leiden Scheidungskinder? Und was kann ihnen helfen? Mit Miriam Rosenthal-Rabner* sprach Katrin Hafner
Frau Rosenthal-Rabner, der Fall Hunkeler macht Schlagzeilen: Ruben, der während Jahren mit seiner Mutter untergetaucht lebte, muss nun beim Vater wohnen. Was halten Sie davon? Ruben tut mir wahnsinnig Leid. Es ist allerdings eine komplexe Geschichte. Da ist Furchtbares geschehen, wohl lange bevor die Medien davon zu berichten begannen. Sie meinen, der Junge habe schon vor der Rückführung nach Italien gelitten? Bestimmt. Er hat Trauma über Trauma erlebt. Ich kenne ähnliche Fälle: Die Mutter versteckt das Kind vor dem Vater, es baut Ängste auf, der abwesende Elternteil wird zum Monster stilisiert - und plötzlich muss das Kind bei diesem Monster leben. Kommt dazu, dass die Eltern um es kämpfen, das ist grauenhaft. Inwiefern schadet dieser Kampf dem Kind? Das Kind leidet extrem. Wenn es so heftig umkämpft wird, verliert es das Gefühl für die eigene Identität. Es fühlt sich zweigeteilt. Das erlebe ich in der Praxis oft: Scheidungskinder sehen ihre Eltern im Streit vereint, sich selbst aber empfinden sie als aufgespalten, hin- und hergerissen zwischen Mutter und Vater. Was wünschen Sie einem Kind wie Ruben? Dass er den Kontakt zu beiden Elternteilen behalten kann, psychologische Hilfe erhält und vielleicht später in ein Internat kommt. An einem solchen Ort könnte er zu sich selbst finden und neue Beziehungen zu seinen Eltern aufbauen. Wie kann es eigentlich so weit kommen, dass scheidende Erwachsene dem eigenen Kind einen Elternteil vorenthalten? Selbst sich trennende Eltern wollen meist das Beste für ihr Kind. Doch immer wieder vermischen sie ihre Gefühle mit denen ihres Kindes und können zudem die Paar-Ebene nicht von der Eltern-Ebene trennen. Sie sind so sehr mit ihrer Verletzung beschäftigt, dass sie das Recht des Kindes auf eigenständige Beziehung zu beiden Elternteilen übergehen. Es ist recht einfach, ein Kind zu manipulieren. Ist denn jedes Kind manipuliert, wenn es einen Elternteil nicht sehen will? Das ist immer ein Zeichen von Not. Ein Kind wünscht grundsätzlich Kontakt zu Vater und Mutter. Allerdings verändern sich die Bedürfnisse mit dem Alter, darum sollten die Gerichte keine fixen Lösungen treffen. Vor Gericht argumentieren Anwälte und Eltern oft mit dem Wohl des Kindes. Was heisst das überhaupt? Das Kind soll Kind bleiben dürfen, ohne in den Konflikt einbezogen zu werden. Die familiäre Atmosphäre ist dabei zentral. Das tönt theoretisch. Es geht aber um praktische Dinge. Dass das Kind beim Mami vom Papi erzählen darf. Oder dass es beim Papi auch ein Foto vom Mami dabeihaben kann. Das ist nicht selbstverständlich - aber entscheidend für die Entwicklung der kindlichen Identität. Und bei wem soll ein Kind leben? Es soll mitreden können, egal wie alt es ist, aber nicht selbst bestimmen müssen. Das wäre eine Überforderung. Das Kind kann Ihrer Meinung nach nicht selbst entscheiden? Scheidungskinder müssen sich einen neuen Platz schaffen. Darum brauchen sie mehr Struktur und Klarheit als andere Kinder. Es hilft ihnen, zu wissen, wann sie bei wem sind. Gleichzeitig sollten die Eltern das Kindesinteresse nicht zu Gunsten sturer Regeln opfern. Was meinen Sie damit konkret? Zum Beispiel dass das Kind nicht mehr in die Pfadi gehen kann, nur weil der Vater jeden zweiten Samstag Betreuungstag hat. Die meisten Scheidungskinder wohnen bei der Mutter. Verschlechtert dies das Verhältnis zum Vater? Nein, es kann sich unter Umständen sogar verbessern. Etwa wenn sich der Vater bewusst Zeit nimmt für das Kind. In der Schweiz gibt es immer mehr binationale Ehen und Scheidungen solcher Ehen. Leiden Kinder in solchen Fällen besonders? Ja, sicher. Denn das Kind sollte nach der Scheidung eine einzige neue Lebenswelt haben, nicht zwei total getrennte. Hinzu kommt oft die Angst vor Kindesentführungen. Da erzählte mir beispielsweise eine chweizer Juristin, sie schicke ihre kleinen Kinder in die Kampfsportschule, damit sie sich gegen den Vater wehren können, falls er sie entführt. Von wo kommen solch absurde Ideen? Das hat mit eigenen inneren Ängsten zu tun - und mit den Medien, die Entführungen prominent platzieren. Das Hauptproblem binationaler Paare liegt für das Kind aber anderswo: dass ein Elternteil wegzieht, in sein Herkunftsland, und somit der konkrete Kontakt schwierig wird. Und was empfinden Schweizer Scheidungskinder als besonders schwierig? Eine Elfjährige wünscht sich zum Beispiel, dass ihr Mami seltener über Papi schimpft und Papi seine Gefühle dem Mami besser zeigt. Das ist typisch. Viele Kinder wünschen sich Dinge in Richtung sozialer Anstand: Dass sich die Eltern begrüssen, sich nicht wie Fremde oder Feinde verhalten. Sind das nicht Extremfälle? Scheiden ist doch zur Normalität geworden, jedes zweite Kind erlebt die Trennung der Eltern. Da wirds auch gute Beispiele geben. Das stimmt, aber die Trennung ist immer ein Schock. In der ersten Phase leidet jedes Kind. Es ist ein Bruch in seiner Biografie. Brüche können auch heilen . . . . . . wenn die Eltern die Perspektive des Kindes akzeptieren, ohne sich zu rechtfertigen oder in Schuldzuweisungen zu fliehen. Das Kind hat eine eigene Realität. Juristisch erhalten Scheidungskinder Beistand, psychologisch aber kaum. Warum ist das so? Das frage ich mich auch. Seit zehn Jahren gibts in Zürich den Verein Trialog für Scheidungskinder. Wir geben ihnen den Raum, den sie nötig haben. Kinder sprechen meist mit niemandem über die Trennung. Es tut ihnen gut, Wünsche, Wut, Enttäuschung und Trauer benennen zu können. Nun wollten wir das Angebot an die Stadt abtreten, doch gelang dies nicht. Offenbar fehlt eine Lobby für Scheidungskinder-Anliegen. Obwohl die Scheidungsforschung sagt, dass Kinder getrennter Eltern sozial auffälliger sind und mehr Schulprobleme haben? Ich finde diese Aussage gefährlich. Aber es stört mich auch, dass sich Scheidungen noch immer vor allem auf der juristischen Bühne abspielen. Das muss sich verändern. Es geht vor allem um persönliche, psychologische Aspekte. Sie befürworten psychologische Angebote. Werden Scheidungskinder damit nicht pathologisiert? Nein, sie werden schlicht ernst genommen. Es sind nämlich oft die kleinen Tragödien im Scheidungsalltag, unter denen die Kinder sehr leiden, nicht nur die grossen Entführungsgeschichten. Dass ein Kind nicht weiss, mit wem es Weihnachten feiert, zum Beispiel. Es meint, das sei jetzt einfach so, und unterdrückt seine Fragen oder lernt seine Wünsche erst gar nicht kennen. Was wünschten sich Kinder denn? Es geht um Subtiles, zum Beispiel will ein Bub nicht zum Vater, weil sein Bett im Büro steht und der Papi immer am Computer sitzt, wenn er schlafen sollte. Oder ein Mädchen möchte nicht mehr zum Papi, weil Mami es unten am Haus einfach abstellt und nicht die Treppe hoch begleitet. Und was unternehmen Sie als Psychologin, wenn Ihnen Kinder solche Sorgen anvertrauen? Ich rede mit den Eltern und versuche Ihnen die Verantwortung zurückzugeben, damit sie merken, was abläuft, und dem Kind einen Weg in einen normalen Alltag ermöglichen. Darum geht es nämlich, wenn man vom Wohl des Kindes spricht. Schlechte Scheidungen wirds aber leider immer geben. So wie auch schlechte Ehen.
* Miriam Rosenthal-Rabner, Psychologin und Mediatorin, war Mitbegründerin von Trialog, Verein Kinder in Scheidung, und begleitet seit zehn Jahren Kinder aus getrennten Ehen. www.miriamrosenthal.ch |