Das Machtspiel der KESB mit Justin G.

Unter diesem Titel beschreibt die Basler Zeitung einen traurigen Fall.

Kommentar VeV Schweiz:
Auch in diesem Fall sind natürlich nicht beide Seiten bekannt. Dennoch zeigt sich, dass die involvierten Fachpersonen und Behörden ganz offensichtlich nicht in der Lage sind, ihren eigentlichen Auftrag zu erfüllen. Ihre primäre Aufgabe wäre es, den Kontakt zwischen Vater und Kind sicher zu stellen. Wie auch in anderen Fällen ist aber eine andere Dynamik erkennbar, nämlich der Schutz von einmal getroffenen Entscheiden durch alle Widrigkeiten hindurch, selbst wenn der ursprüngliche Entscheid falsch gewesen sein sollte.
 

'Das Machtspiel der Kesb mit Justin G. Statt Besuchsrecht zu gewähren, ignoriert die Kesb Gelterkinden gerichtliche Anordnungen'
Von Daniel Wahl

Gelterkinden/Sissach. Gewiss, die Ehe von Justin G.* war nicht auf Rosen gebettet. Aber trotz der Eheprobleme zwischen dem Engländer und seiner Frau aus den USA funktionierte die Beziehung so weit, dass die zwei ein gemeinsames Sorgerecht für ihre beiden Kinder installieren konnten. So durften Tochter und Sohn jedes zweite Wochenende beim Vater verbringen. Es hätte also eine normale Patchwork-­Familie werden können, wie es sie landauf, landab so viele gibt.

Doch die Mutter wollte die Kinder offenbar nach bereits drei, vier Über­gaben für sich alleine und unterlief das Besuchsrecht nach wenigen Wochen, indem sie zuerst von Fieberkrämpfen bei den Kindern sprach, welche einen Aufenthalt beim Vater verunmöglichen würden. «Als ob ich damit nicht umgehen könnte», sagt Justin G. Dann eskalierte die Situation vor rund zwei ­Jahren, als sie ihren Sohn zur Mandel­operation ins Spital brachte und sich tatsachenwidrig als alleinige gesetzliche Vertretung ausgab. Justin G., der von den Ärzten damals keine Antwort zum Gesundheitszustand seines Sohnes erhielt, wandte sich mit der Bitte um Hilfe an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Gelterkinden-­Sissach. Die Mutter reagierte mit einer Gegenanzeige, die heute von den Behörden als haltlos qualifiziert wird.

So weit die Vorgeschichte zur Verantwortung der Eltern. Doch wie die Kesb Gelterkinden damit umgeht, spottet jeder Beschreibung: Deren Leiter, Stephan Nicola, hatte in Eigenregie und ohne den Spruchkörper zu konsultieren das Besuchsrecht sistiert. «Ich habe mich einer dilettantisch arbeitenden Behörde ausgeliefert; leider bin ich nicht um sie herumgekommen», bedauert der Vater. Mittlerweile wird es zum dritten Mal Weihnachten, ohne dass der Vater die Kinder gesehen hat. Und das, obschon es dem Vizepräsidenten Daniel Häring vom Zivilkreisgericht Ost im November 2015 den Hut gelupft hat.

Nachdem ein Dreivierteljahr nichts geschehen war und mit einer Verfahrensverzögerungsbeschwerde bei der Kesb Gelterkinden gedroht wurde, bekam der Vizegerichtspräsident den «Fall Justin G.» auf seinen Tisch: Er wies diese Behörde im Urteil vom 5. November 2015 an, das Besuchsrecht «per sofort» und «dringlich» wieder durchzusetzen, und monierte, dass es überhaupt sistiert worden sei. Zudem soll die Kesb einen Beistand installieren, wie es im Urteil hiess. Ziel war es, die Kinder schnellstmöglich wieder dem Vater zuführen zu können.

Überforderter Amtsleiter

Inzwischen ist ein weiteres Jahr verstrichen, und die Kinder haben ihren Papa noch immer nicht geschehen. Das liege am Vater, der sich nicht auf den Plan der Kesb einlasse, argumentiert die Kesb Gelterkinden. Doch das scheint nicht korrekt zu sein: Denn während Justin G.s Anliegen entweder nicht beantwortet oder noch weniger aufgenommen werden, zeigen die Akten, dass die Kesb Gelterkinden und der neu eingesetzte Beistand das Wunschprogramm der Mutter umsetzen. Dabei aber scheinen sich die Fehlleistungen wie ein roter Faden durch die Akten des Kesb-Leiters Nicola und seiner Truppe zu ziehen. Seine Kesb-Stelle geriet schon mehrfach in die Schlagzeilen. Auch der Kanton kritisierte die Gelterkinder Schutzbehörde heftig: Sie verstosse gegen ­Vertragsbestimmungen, habe Mühe, eine Pendenzenliste zu erstellen, sei zu wenig erreichbar und führe eine intransparente Homepage. Die kantonale Aufsichtsbehörde stellte sogar die Kompetenzen des Leiters öffentlich infrage und ortete Defizite in organisatorischer und fachlicher Hinsicht.

Unter dieser oberbaselbieter Profi-­Behörde leidet Justin G. heute in besonderem Masse, während die Kinder ohne den Vater aufwachsen und inzwischen als «vom Vater entfremdet» betrachtet werden müssen. Dazu ein paar Beispiele aus den letzten Monaten.

Durcheinander im Terminkalender

Im Februar 2016 meldet sich die Kesb Gelterkinden bei Justin G., um das Besucherkonzept wiederaufzunehmen, und schlägt drei Besuchstermine vor. Sie sollen im Vormonat, im Januar 2016, stattfinden. Ein Witz ist das nicht. Ein Einzelfall auch nicht. Im Mai 2016 wird G. vorgeladen für den März. Falsch übermittelt wird auch die Mail-Adresse des Beistands und die neue Telefonnummer der Ex-Partnerin, sodass keine Kontaktaufnahme möglich war. Zudem kam es vor, dass die Behörde die Namen der Kinder in den Akten nicht korrekt notierte. Dies sind nur die oberflächlichen Fehler. Die anderen, folgenschweren Fehler ergeben sich, wenn man sich mit dem Fall vertieft auseinandersetzt.

Am 14. Dezember 2015 setzt der fallführende Kesb-Mitarbeiter einen «Freund», wie er sich gegenüber Justin G. «verplappert» hatte, ein. Zumindest kennen sich die beiden aus früherer gemeinsamer Tätigkeit. Bereits einen Tag später legt dieser Rodersdörfer Beistand der Kesb in Gelterkinden «sein» Besuchskonzept vor. Mit den involvierten Parteien hat er seinen Plan nicht abgesprochen – schlechthin ein Anfängerfehler eines «Vermittlers, der in seiner Freizeit arbeitet» – so stellt er sich in verschiedenen Schriften vor. Dem Vater unterbreitet der Freizeit-Beistand zwei Monate später, Mitte Februar, ihn kennenlernen zu wollen, um Vertrauen zwischen den Kindern und dem Vater aufzubauen zu können. Pikant: Nirgends ist vorher in den Akten von einem gestörten Verhältnis zwischen Vater und Kindern die Rede. Es ist seine eigene Deutung. Aber weil dies vom Rodersdörfer so kolportiert wird, hat es der Kesb-Kollege so übernommen. Fortan gilt das Vertrauen offiziell als «wiederherzustellen».

Machtspiel gegen den Vater

Darum sollte der Vater nur einmal pro Woche mit den Kindern telefonieren dürfen, legte der Beistand fest. Danach erst würde «die weitere Entwicklung besprochen». «Ich hätte frühestens ein halbes Jahr später einmal mit meinen Kindern allein sein können», rechnete Justin G. sich aus, «das Besucherkonzept ist für mich eine Demütigung.» Justin G. ging nicht darauf ein. Und damit fing der Beistand an, dem 53-jährigen Familienvater mit folgenden Worten zu drohen: «Ich bestätige Ihnen, wenn Sie den Plan nicht akzeptieren und auch mich als Beistand der Kinder nicht akzeptieren, es noch lange gehen kann, bis Sie Ihre Kinder treffen können.» Weiter fügte er an: «Wenn Sie so weitermachen, verlieren Sie noch das gemeinsame Sorgerecht.»

Auf die Anfrage der BaZ, ob ihm in seiner Funktion als Vermittler zustehe, solche Drohungen zu äussern, antwortet der Beistand, der seinen Namen in der Öffentlichkeit nicht lesen will: «Ich habe in keiner Weise gedroht, ich habe auch keinerlei Entscheidungsbefugnisse, sondern bin stets auf den Goodwill der Betroffenen angewiesen.» Es handle sich um eine Verdrehung seines Hinweises.

Doch die Kesb sowie der Beistand scheinen hier selber Fakten zu verdrehen. Dazu ein Beispiel: Das missglückte Besucherkonzept, das alles andere als der gerichtlichen Anweisung «per sofort» und «dringlich» entspricht, rechtfertigt der Kesb-Kollege am 22. März 2016 so: «Wir haben nicht einen Plan aufgestellt, ohne die Kinder zu fragen.» Das entspricht nicht der Wahrheit: «Ich werde erstmals Kontakt mit den Kindern zwischen Weihnachten und Neujahr aufnehmen», schlug der Freizeit-Beistand der Kesb vor, während sein Plan schon Mitte Dezember, einen Tag nach seiner Ernennung, fixiert war.

Diagnose ohne Befund

Solche Widersprüche kommen im Fall von Justin G. immer wieder vor. Obschon der Vater nunmehr zwei Jahre keinen Kontakt mehr mit den Kindern hat, gelten sie jetzt als «traumatisiert» – der Begriff hat sich in den Akten im Nebensatz eingeschlichen und gilt ohne Befund als Faktum. Es veranlasst Justin G., für teures Geld ein Gutachten erstellen zu lassen, ohne das er nicht mehr glaubt, seine Kinder zu sehen. «Das dilettantische Besucherkonzept des Beistands hat nie funktioniert, er brachte nicht einmal die Kinder ans Telefon, selbst als ich mich auf den Prozess einliess», sagt Justin G. Und weil er sich so äussert, hat ihm der Beistand mit einer Strafanzeige gedroht.

Dass es an der Zeit wäre, mit personellen Rochaden die verfahrene Situation zu lösen, scheint die Gelterkinder Kesb nicht wahrhaben zu wollen. Sie hält am offensichtlich untauglichen Besucherkonzept fest wie eine Klette, und am Beistand ebenso. Alternativen gibt es nicht. Auf die Anfragen der BaZ reagiert die Behörde seit einem vollen Monat nicht. Selbst die für die Aufsicht zuständige Gemeinderätin Christine Mangold erreichte bloss, dass die Sekretärin der Gelterkinder Behörde ein weiteres Mal die Zustellung der Frage einforderte.

Seither herrscht wieder Funkstille. Auch bei der Primarschule Sissach muss der Vater um seine Rechte kämpfen. Zunächst hat die Schule den Familiennamen der Mutter für die Kinder übernommen, ohne Rücksprache mit dem Vater. «Über drei Monate musste ich gegen eine Wand kämpfen, damit das Zeugnis wieder richtig beschriftet wird», sagt Justin G. Die Schule dürfte sich über ihre eigenen Regeln zum «Auskunftsrecht getrennt lebender Eltern» hinweggesetzt haben.

Eine Anfrage beantwortet Schul­leiterin Mirjam Bischoffberger so: «In einer Schule treffen viele Menschen mit den verschiedensten Haltungen aufeinander, und es kommt ab und zu zu Missverständnissen und Konflikten.» Noch immer kämpft Justin G. dafür, dass er das Zeugnis direkt einsehen darf und nicht bei der Ex-Partnerin abholen muss.

* Zum Schutz der Kinder wird auf die Wiedergabe des vollständigen Namens verzichtet.

© Basler Zeitung; 08.12.2016; Seite bazab23
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Daniel Wahl
Chefreporter

Ein Kommentar

  1. … dass dies kein Einzelfall ist, macht mich wütend und traurig. Den Kindern wird durch die behördliche Willkür der Vater genommen und alle müssen hilflos zusehen. In 50 Jahren dann, wird sich der Bund wieder einmal mehr bei den Betroffenen entschuldigen müssen und wird schlussendlich jedem (noch lebenden) eine Genugtuungssumme von lächerlichen Fr. 25’000.00 (siehe Verdingkinder) anbieten. Ich bin jeden Tag entsetzt, ansehen zu müssen, wie diese Behörde über Menschen richtet. Sobald man einmal in den Fängen der KESB ist, kommt man leider nie mehr raus…. und diese Behörde behauptet doch tatsächlich, dass die Gemeinden bis anhin keine gute Arbeit geleistet hätten!?

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